Wann und aus welchen Gründen der hl. Wolfgang, der im Mittelalter vielfach verehrte Einsiedler-Mönch und spätere Bischof von Regensburg, Heiliger der Kapelle geworden ist, ist unbekannt. Ob er schon Mitpatron der alten Klosterkirche war oder die Kapelle erst später ihm geweiht wurde, läßt sich nicht feststellen. Beim Volk stand die Wolfgangskapelle durch alle Jahrhunderte bis in unsere Zeit hoch in Ehren als Andachts- und kleine Wallfahrtsstätte, und durch sie wurde in der Bevölkerung des Tales immer die Erinnerung an das Bestehen des früheren Klosters wachgehalten, obwohl dieses nur rund 15 Jahre lang hier stand und schon vor fast 700 Jahren hier seinen Sitz wieder aufgab.
Die über dem Kapelleneingang stehende Jahrzahl weist uns in das Jahr 1486. Vermutlich wurde das Kirchlein damals neu erbaut oder renoviert. Ob dies mit dem vorübergehenden Aufenthalt der Klingentaler Schwestern in Wehr während des Reformstreites von 1480 bis 1482 zusammenhängt, ist nicht sicher zu sagen. In den Akten erscheint die Kapelle erstmals um 1500, wo eine nicht genau datierte Notiz, wahrscheinlich eine Vorlage an die Äbtissin zu Klingental, den baulichen Zustand und die Einrichtung der Kapelle betrifft. Es wird beantragt, daß die Kapelle mit Ziegeln bedeckt werden soll, da die Dielen faul geworden seien. Ferner möge die Kapelle (oder der Altarraum) besser vergittert werden, damit niemand hineinsteigen könne, und der Altar soll mit Altartüchern bedeckt werden. Auch soll man eine kleine Glocke dahingeben, damit das Kirchlein mit einem Geläute versehen sei '.
Die geschichtliche Bedeutung der Kapelle und ihre Stellung im religiösen Volksleben des Tales geht auch daraus hervor, daß das Fest ihrer Weihe alljährlich am 4. September als ein besonderes Volksfest gefeiert wurde. Im Rahmen des Kirchenumbaus 1775 wurde die St. Wolfgangskapelle von ihrem bisherigen Platz zur Pfarrkirche verlegt, und wahrscheinlich wurde seitdem auch die besondere St. Wolfgangskilbe nicht mehr gehalten. Die alteingewurzelte Frömmigkeit des Volkes hielt sich aber nicht an diese Verlegung, sondern hielt an der Tradition der alten Kapelle fest. So mußte mit Rücksicht auf die Anhänglichkeit der Gläubigen auch die alte Kapelle weiter erhalten werden. Im Jahre 1795 schrieb der Wehrer Amtmann Schindele nach Basel: Die St. Wolfgangskapelle sei dem Einsturz nahe, weil sie jetzt niemand mehr unterhalte, nachdem Basel von der Baupflicht derselben befreit sei. Doch "weil die hiesige Gemeinde so vieles Zutrauen dahin hat und Gottes Segen über ihre Häuser, Blumen und Früchte da zu erbitten von unvordenklichen Zeiten her da zu erflehen gewöhnt war, ist man in die Notwendigkeit versetzt, zur Befriedigung des Volkes diese wieder zu reparieren". Daher bat der Amtmann den Stand Basel um eine freiwillige Beisteuer dazu.
Die konservative Frömmigkeit des Volkes hat also auch hier wie in manchen anderen Äußerungen religiösen Brauchtums das Alte bewahrt und damit die Erhaltung eines geschichtlichen Denkmals der Wehrer Landschaft gesichert. Die Erinnerung an das alte Kloster Klingental, das einmal in der Geschichte des Ortes eine so bedeutende Rolle gespielt hatte, wäre in der mündlichen Überlieferung des Volkes wohl viel früher verblaßt und ausgestorben, wenn nicht die St. Wolfgangskapelle sie immer lebendig erhalten hätte. Um die Kapelle lag ja die sogenannte große Klostermatte, auch St. Wolfgangsmatte genannt, auf der das Kloster einst stand und welche auch in späteren Jahrhunderten Eigentum von Klingental bzw. Basel blieb und immer gesondert als Lehen vergeben wurde.
Um die Erhaltung der Kapelle haben sich die Wehrer bis in die neueste Zeit besorgt gezeigt. Eine besondere Stiftung der Witwe des Josef Schrammberger begründete im Jahre 1840 einen eigenen St. Wolfgangskapellenfonds, der zur Unterhaltung der Kapelle diente.
Eine Restauration und Ausmalung erfuhr die Kapelle im Jahre 1932, eine weitere gründliche Restauration wurde 1960 durchgeführt. Der Chor des auch als Bauwerk sehr reizvollen kleinen Kirchleins beherbergt die Statuen des hl. Wolfgang und der Nebenpatrone Sebastian und Agatha
Quelle: "Wehr, eine Ortsgeschichte", Fridolin Jehle, Konstanz 1969